125 Jahre! Nicht zu vergleichen mit der großen 100-Jahr-Feier zu Beginn der 2000er-Jahre – und doch: Seit 1901 feiert unsere Gemeinde alle 25 Jahre ihr Gemäuer. Kein Grund, nach dem Hundertjährigen damit aufzuhören!
Unsere Kirche steht am Wege nach Schönningstedt wie ehedem. Ein weithin sichtbares Denkmal, das „mit seinem Thurm nach oben weist, wie mit einem ausgereckten Finger“ – wie es unser erster Pastor Andreas Fries 1900 zur Grundsteinlegung so treffend formulierte.
1901, zur Kirchweih, war die Kirche nach einem Bericht der Bergedorfer Zeitung beflaggt. Die Vorstellung (ein Foto war leider nicht zu finden) gefiel uns so gut, dass die historischen Fahnenstöcke hoch oben im Turm aus den schmalen Scharten über der Uhr geschoben und mit zum Teil neu genähten Fahnen bestückt wurden.
Am 22. und 23. August war es böig, die Fahnen flatterten im Wind – wenn das nicht für Sichtbarkeit sorgte! Sichtbar war auch die Bühne auf der Wiese, denn zur Jubiläumsfeier gehörte ein Gemeindefest am Samstag mit viel Programm.
Nicht nur (fast) alles, was unsere Gemeinde mit „Chor“ im Namen zu bieten hat – Posaunenchor, Kinderchor, Jugendkantorei – sowie als Gastgruppe der Junge Chor Reinbek. Unsere Jugendtheatergruppe brachte die Entstehungsgeschichte der Kirche auf die Bühne. Zudem sorgte die Improtheatergruppe Improvokanz für lautstarke Stimmung und zum Ausklang spielte die Latin-Jazzband Babanda.
Da es nicht nur windig war, sondern auch der eine oder andere Schauer durchzog, musste für die Bühne am Morgen auf die Schnelle noch eine Überdachung improvisiert werden. Es bewährt sich in solchen Momenten, dass unsere Gemeinde auch Heimat eines Pfadfinderstamms ist – Experten für allerlei Bauten im Freien!
Trotz Unbeständigkeit feierten wir im Freien um die Kirche, denn es sollte ja nun diese als Jubilarin im Mittelpunkt stehen.
Gelegentliche Regenschauer trieben viele Besucher immer mal wieder ins Innere, wo es historische Antependien, silbernes Altargerät und die historische Taufschale zu bewundern und alles über den Wandel des Kirchraums in den letzten Jahrzehnten zu erfahren gab.
Wer die steile Stiege nicht scheute, konnte mit hinauf in den Turm steigen und das historische Uhrwerk der Turmuhr einmal von ganz Nahem betrachten.
Es war ein Fest für die Gemeinde. Aber auch mit ihr. Daher packten vorher, währenddessen und am Ende auch viele viele Hände mit an! Danke!
Am Sonntag füllte sich die Kirche zum Dankgottesdienst für „125 Jahre Kirche in Reinbek-Mitte“. In der voll besetzten Kirche erklang das Gotteslob an diesem Tag besonders kraftvoll. Die Orgel begrüßte mit dem Präludium in Es-Dur von J. S. Bach. Die Kantorei sang von der Empore unter anderem die Messe brève Nr. 7 in C von Charles Gounod, und auch vier Strophen von „Großer Gott, wir loben dich“ mit Oberchor singt die Gemeinde nicht alle Tage!
Der anschließende Empfang fand, anders als geplant, im Gemeindesaal statt. Zu durchweicht war der Boden um die Kirche, zu unbeständig der Himmel.
Der festlichen Stimmung tat das keinen Abbruch, im Gegenteil. Mit Sekt oder alkoholfreiem Cocktail erhob die zahlreich von der Kirche in den Saal mitgewanderte Festgemeinde das Glas.
Es sprachen der Bürgermeister, Vertreter:innen der Nachbargemeinden, der Schulleiter der Sachsenwaldschule ...
und zu unserer besonderen Freude war auch Armin Levy, Vorsitzender der Jüdischen Union aus Hamburg, zugegen, gratulierte uns zu unserem christlichen Ort der Begegnung und Verständigung, an dem er sich als Jude willkommen fühle, und sprach uns zum Schluss auf Hebräisch den Aaronitischen Segen zu:
יְבָרֶכְךָ יהוה וְיִשְׁמְרֶךָ
יָאֵר יהוה פָּנָיו אֵלֶיךָ וִיחֻנֶּךָּ
יִשָּׂא יהוה פָּנָיו אֵלֶיךָ וְיָשֵׂם לְךָ שָׁלוֹם
Der Ewige segne dich und behüte dich. Der Ewige lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Der Ewige erhebe sein Angesicht zu dir und schenke dir Frieden.
Ein Moment der Interreligiosität, der uns sehr bewegt hat.
Gestärkt mit Fingerfood und Geburtstagstorte – alles von einem Team aus der Gemeinde am Morgen noch frisch zubereitet – ging die Gesellschaft fröhlich auseinander.
Hoffentlich mit dem Gefühl, dass diese Kirche und ihre Gemeinde in all ihrer Beständigkeit schon immer lebendig war und weiterhin ist. Eine Gemeinde, die miteinander feiert und füreinander da ist und sich dabei bewusst ist, dass überall dort, wo Menschen zugange sind, sich ständig etwas verändert.
Eine Gemeinde wächst und schrumpft, Menschen kommen dazu, andere gehen, neue Fragen entstehen und manchmal merkt man: So wie bisher können wir nicht einfach weitermachen.
Wir stehen vor großen Veränderungen. Unserem Auftrag aber wollen wir treu bleiben: Jesu Botschaft weitergeben, Gemeinschaft in Liebe leben, für Menschen da sein. Mit Gott.