Die Gemeindebriefausgabe für Juni 2026 finden Sie hier.
Geistliches Wort des Monats Juni:
Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib! Hebräer 13,3
Ich hab die Faser nicht gesponnen, / die Stoffe nicht gewebt, / die ich am Leibe trage, /
ich habe nicht die Schuhe, / die Schritte nur gemacht.
Ich habe nicht gelernt zu schlachten, / zu pflügen und zu säen / und bin doch nicht verhungert, / ich kann nicht Trauben keltern / und trinke doch den Wein. …
Wer mich ansieht, sieht viele andere nicht, / die mich ernährt, gelehrt, gekleidet haben, / die mich geliebt, gepflegt, gefördert haben. / Mit jedem Schritt gehn viele Schritte mit. / Mit jedem Dank gehn viel Gedanken mit.
Denken kommt von Danken, sagt man gemeinhin. Wer das Gefühl der Dankbarkeit empfindet, dem legt sich die Frage nahe, wem der Dank gilt. Oder auch nur, warum es so gekommen ist, wie man es dankbar angenommen hat. Wir beginnen zu denken.
Arnim Juhre, 2015 verstorbener Schriftsteller und Dichter, macht in seinem Lied einen nachdenklichen Punkt: Wie angewiesen wir auf andere Menschen sind, damit wir leben können. Wir machen uns gegenseitig möglich, ein Leben zu führen. Andere tragen stellvertretend für uns Pakete aus, sorgen für unsere Sicherheit, helfen uns, emotional Ausgleich zu finden. Keiner lebt sich selber.
So gesehen, leiden auch andere für uns. Die Gefangenen, an die man hier denken soll, sind keine Verbrecher (jedenfalls nicht im engeren Sinne). Sondern Menschen, die um ihrer Überzeugung willen vom politischen System verhaftet wurden. Die Misshandelten sind keine Unglücksraben, denen das Schicksal schlicht anhaftet. Ihr Leid hätte unser Leid sein können, wir waren nur nicht zur falschen Zeit am falschen Ort. So gesehen, leiden auch andere für uns.
Warum? Einfach, weil sie (noch) einen irdischen Leib haben wie wir. Ein Leib, dem es ähnlich ergehen könnte. Ein Leib, der angewiesen darauf ist, dass andere Leiber für ihn etwas tun. Darin findet der Hebräerbrief Grund und Anlass, sich den Gefangenen und Misshandelten zuzuwenden. Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du: ein seelisch-geistig-materielles Wesen.
Noch. Einmal nicht mehr. Aber solange es noch so ist, fühlen wir mit allen anderen Leibern. Das zu können, ist ein schöner Grund, dankbar zu sein.
Einen Juni voller Geschwisterlichkeit wünscht Ihnen
Ihr Pastor Ralf Meyer-Hansen