Es gibt Abende, da tut es besonders gut, Musik zu hören. Vor allem in Präsenz, am besten in Gemeinschaft.
Ein Wahlabend zum Beispiel, bei dessen Ausgang sich die Stirn in Sorgenfalten legt.
So fügte es sich, dass in unserer Kirche just am 6. September das Antonin Streichquartett zu Gast war: Konrad, Anton und Viktor Gmelin sowie Lorenzo Giannotti – vier junge Musiker aus München.
Der äußere Rahmen des Konzerts war schlicht gehalten: vier Stühle im Altarraum, vier Kerzen rechts und links vom Christus im Hintergrund, freie Platzwahl. Einfach ankommen und zuhören. Erwartungsfroh fanden sich genau dazu mehr als 150 Menschen in unserer Kirche ein.
Es stand Wiener Klassik auf dem Programm: Mozarts Duo für Violine und Viola in G-Dur, Haydns Kaiserquartett und – nach einer kurzen Pause – Beethovens Streichquartett in e-Moll Nr. 2.
Das Publikum lauschte intensiv. In dieser Stille trug es auch die leisesten Töne bis in alle Winkel des Kirchraums.
Musikalisch reich beschenkt verabschiedeten wir Besucher und Musiker knapp zwei Stunden später in die hereinbrechende Nacht.
An nur einem Tag kann Kirche so viel sein: morgens Gottesdienstraum, abends Konzertsaal.
Bemerkenswert war noch etwas anderes an diesem Abend:
Zwar stammt das Quartett aus München, doch Wurzeln hat es auch in Reinbek! Ur-Urgroßvater der Musiker nämlich ist Arthur Goldschmidt – eine in Reinbek bekannte Persönlichkeit: Bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten Amtsrichter in Hamburg, nach dem Krieg stellvertretender Bürgermeister in Reinbek, Mitgründer der hiesigen Volkshochschule, und ja, einst Mitglied unserer Kirchengemeinde!
Letzteres allerdings ist – aufgrund der Diskriminierung und des fehlenden Rückhalts, den Arthur und Katharina Goldschmidt samt ihrer drei Kinder hier erlebten, ein beschämendes Kapitel unserer 125-jährigen Geschichte, mit dem sich unsere Gemeinde über Jahrzehnte schwertat. Es war ein längerer Weg, bis etwa die Gedenktafel in der Kirche hing, die nun an das Schicksal der Familie erinnert.
Wie sehr hat es uns daher gefreut, nun im Jubiläumsjahr, die jungen Nachfahren der Familie, wie auch den Teil ihrer Verwandtschaft, der in Hamburg lebt, bei uns zu begrüßen!
Schlug das Kaiserquartett, mit der Melodie unserer Nationalhymne, nicht auch geradewegs wieder den Bogen zu Arthur Goldschmidt? Weder die Ausgrenzung in Beruf und Alltag noch die Erfahrungen im Ghetto Theresienstadt konnten ihn davon abbringen, sich als Bürger dieser Nation zu fühlen.
Mehr über die Familie ist in unserer Festschrift nachzulesen.
Lieber Konrad und Anton, lieber Viktor und Lorenzo, Ihr habt uns mit eurer Musik beseelt und unserer Gemeinde noch dazu einen großen Dienst erwiesen. Dafür danken wir euch sehr!
Wir wünschen euch Gottes Segen für euer weiteres Schaffen!
Und danke auch dir, Johannes!