Heute vor 125 Jahren wurde unsere Kirche feierlich eingeweiht.
Die Bergedorfer Zeitung berichtet tags darauf:
Unser von der gütigen Natur mit Schönheiten so reich bedachter Nachbarort Reinbek hat durch die Vollendung der evangelisch-lutherischen Kirche auch in architektonischer Beziehung ein herrliches Schmuckstück erhalten. Auf einer kleinen Anhöhe erhebt sich das neue, in gothischem Stil erbaute Gotteshaus mit dem schlanken Thurme und blickt stolz in die Weite. Seit drei Jahrhunderten wurde der Gottesdienst in der so genannten "alten Kapelle" des Schlosses abgehalten und von manchem wurde ein dem Wachsen der Gemeinde entsprechendes Gotteshaus vermißt, wenn man sich auch in der kleinen, im Inneren zwar ziemlich primitiv eingerichteten "alten Kapelle" dennoch heimisch fühlte.
Nun ist die Hoffnung auf ein neues Gotteshaus erfüllt. Die Einweihung der Kirche fand gestern Morgen unter zahlreicher Betheiligung der Bewohner Reinbeks und der Nachbargemeinden statt.
Eröffnet wurde die Feier mit einem Gottesdienst in der Schloßkapelle. 9 1/2 Uhr morgens versammelten sich die erschienenen auswärtigen Geistlichen, im Ornat, die eingeladenen Gäste und der Kinderchor in der Kapelle. Nach dem gemeinsamen Gesange des Liedes "Herr Jesu Christ, Dich zu uns wend'" betrat Pastor Fries die Kanzel und hielt in ergreifenden, zu Herzen gehenden Worten seine Predigt, die ein Abschied von der alten traulichen Kapelle war. Anknüpfend an das Bibelwort "Nun ziehet aus und gehet hin in Frieden" legte der Herr Pastor dar, daß drei Jahrhunderte hindurch in dieser kleinen Kapelle mit ihren schlichten, getünchten Wänden die Gläubigen ihr Herz ausgeschüttet haben vor dem Höchsten. Diejenigen, die hier ständig ein- und ausgingen, wüßten, daß man eine solch' schlichte Stätte lieb gewinnen könne. "Und", schloß der Herr Geistliche seine Rede, "nun ziehet hin in Frieden, dankbar dafür, daß der Herr uns an dieser Stätte gesegnet hat. Das walte Gott!"
Hierauf sprach Herr Pastor Fries das Gebet; die Gemeinde sang "Unseren Ausgang segne Gott", und als das Lied verhallt, verließen die Theilnehmer an dem Gottesdienst die Kapelle, ordneten sich draußen vor derselben zum Zuge und unter Vorantritt des Posaunenchors, der dem Charakter der Feier entsprechende Weisen spielte, bewegte sich der Zug durch die Hauptstraße des Ortes nach der neuen Kirche. Dem Musikkorps folgten die Chorkinder, der Pastor der Gemeinde, der Konsistorialpräsident mit Generalsuperintendent und Propst, die Geistlichen im Ornat, Kirchenälteste, die heiligen Geräthe tragend, und zum Schluss die geladenen Herren und das Kirchenkollegium.
Vor dem Gotteshause, von dessen Thurm Fahren flatterten – auch zahlreiche andere Gebäude der Gemeinde trugen Flaggenschmuck – harrten viele der Ankunft des Zuges. Nachdem derselbe eingetroffen und vor dem Portal der Kirche haltgemacht, nahm alsbald der Erbauer der Kirche, Herr Baumeister und Architekt Groothoff Hamburg, das Wort und überreichte namens der Bauleute dem Herrn Konsistorialpräsidenten Dr. Chalybaeus den Schlüssel zu Kirche. Der Herr Präsident überreichte letzteren Herr Pastor Fries, welcher darauf mit weithin vernehmbarer Stimme einige Worte an die vor der Kirche Versammelten richtete und dann im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes das Gotteshaus öffnete, das bald von den sehr zahlreich erschienen Gemeindeangehörigen gefüllt wurde. Das Innere der Kirche war ebenfalls reich geschmückt. Guirlanden und Kränze, aus Eichenlaub gewunden, zierten die Seitenwände, und ein Blumen- und Blattpflanzen-Arrangement erhöhte das feierliche Gepräge der Sakristei. Ein Kronleuchter mit 30 elektrischen Glühlampen, sowie je 8 Glühlampen an den Seitenwänden, ermöglichen an den trüben Wintertagen und an den Abenden die genügende Beleuchtung der Kirche.
Der Gottesdienst in der neuen Kirche nahm um 10 Uhr seinen Anfang mit dem gemeinsamen Gesange des Liedes "Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren", welchem das Lied "O heil'ger Geist kehr' bei uns ein" folgte. Hierauf hielt Generalsuperintendent für Holstein, Herr D. Wallroth, die Weiherede, welcher er den dritten Vers des 77. Psalms zu Grunde legte. Nach dem Weiheakt läuteten in harmonischen Klängen die Glocken und die Gemeinde sang das Lied "Großer Gott wir loben dich". Herr Pastor Fries verrichtete hierauf den Altardienst wie an den gewöhnlichen Sonntagen. In seiner Predigt gedachte er aller derer, die in irgendeiner Weise den Bau der Kirche gefördert und zu dessen Vollendung beigetragen haben. Am Schlusse seiner Rede gab Herr Pastor Fries bekannt, daß auch künftig der Gottesdienst zu derselben Zeit wie bisher beginnen und durch zweimaliges Läuten der Glocken bekannt gegeben wird. Ferner wurde der Gemeinde Mittheilung von der Stiftung eines Freundes der Kirche gemacht, nach welcher jedem jungen Paare, das kirchlich getraut wird, eine Bibel in schlichtem Ledereinband gratis verabreicht oder eine Prachtbibel gegen eine kleine Entschädigung ausgehändigt wird.
Nach der Predigt sangen die Männergesangsvereine das Lied "Danket dem Herren", worauf der Herr Kirchenpropst eine Ansprache an die Gemeinde richtete, die mit Gebet beschlossen wurde. Mit dem gemeinsamen Gesange des Liedes "Nun danket alle Gott", das, wie die übrigen gemeinsamen Gesänge, von der Orgel und den Posaunen begleitet wurde, war die Weihe der Kirche beendet.
Die geladenen Gäste begaben sich zur Einnahme einer kleinen Erfrischung nach dem Pensionat Dießner; nachmittags 2 1/2 Uhr fand im Landhaus Scherer ein Festessen statt.