Geistliches Wort

Mai 2024

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.                                

1. Kor 6,12      

Jeden Nachmittag nach getaner Arbeit ging der Philosoph Immanuel Kant zu seinem Freund Green, fand ihn in einem Stuhl schlafend, setzte sich neben ihn, hing seinen Gedanken nach und schlief ebenfalls ein. Dann kam der Bank- direktor Ruffmann, tat des-gleichen und schlief ein. Bis Motherby dazukam, die Gesellschaft weckte und das Gespräch begann. Tag für Tag. Allein einschlafen und in Gesellschaft aufwachen, vielleicht gar in einem schattigen Garten bei warmer Frühlingsluft und einem erfrischenden Getränk, ein anregendes Gespräch führen mit vertrauten Menschen – manchen von uns mag das ein Gefühl von Seligkeit vermitteln. Gemeinsames Schlafen, gemeinsames Denken, ganz frei.

 

Über die Freiheit, die glückselig macht, hat Kant – an dessen 300. Geburtstag am 22. April wir erinnern – viel nachgedacht. Sich als frei erleben, gelingt nur, wenn nicht andere oder anderes über einen entscheiden. Nichts soll Macht haben über mich, schreibt unser Apostel Paulus da ganz ähnlich. Wenngleich Kant Freiheit anders durchbuchstabiert hat, so ist die Freiheit, die wir durch den Glauben an Jesus Christus haben, dem doch erstaunlich nahe. Oder Kant ist ihr nahe. Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles. Die Einschränkung ist nur, dass es nicht unfrei macht und dem Guten dient. Da öffnet sich eine ungeahnte Weite. Eine Freiheit, die nicht überfordert, sondern glücklich macht. Es ist ja gerade die paradoxe Einsicht unseres Glaubens, dass nur die Freiheit selig wird, die sich aus sich selbst heraus an Regeln hält. Wer die Freiheit des Sonnenaufgangs auf einem Gipfel spüren will, der muss früh morgens sich aus dem Bett und auf den Berg zwingen. Wer die Freiheit eines guten Lebens haben will, muss sich die Möglichkeiten verdienen. Wer Freiheit von seiner Schuld, Frieden für seine Seele sucht, der muss sich aufmachen und von der Liebe Gottes überraschen lassen. Freiheit beginnt, wo wir uns selbst Regeln unterwerfen, eigenen, aber manchmal auch solchen, die wir uns erst zu Eigen machen.

 

Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Gott legt es in unsere Hand. Was wir denken, was wir glauben, was wir tun, darin sind wir frei. Nur dem Guten muss es dienen. Ganz schön mutig von Gott. Aber der einzige Weg zur Freiheit – und zur Glückseligkeit.

 

Einen geruhsamen wie anregenden Mai wünscht Ihnen

Pastor Ralf Meyer-Hansen